30.01.2009_Das Büro WFN - Wasser Fisch Natur begleitet das Projekt Entlastungsstollen Lyss aus ökologischer Sicht. So konnten ökologische Anliegen im Vorfeld  in die Detailprojektierung eingebracht sowie möglichst alle ökologisch relevanten Aspekte in einem Pflichtenheft für den Unternehmer formuliert werden. Dr. Arthur Kirchhofer erklärt die Aufgaben der Büros WFN…

Dr. Arthur-Kirchhofer


Dr. Arthur Kirchhofer, WFN, Büro für Wasser Fisch und Natur in Gümmenen

Sie begleiten das Projekt Entlastungsstollen Lyss mit Ihrem Büro aus ökologischer Sicht. Was sind Ihre Aufgaben?

Einerseits wurden vor allem beim Einlaufbauwerk im Leen und beim Auslauf des Stollens in der Fulenmatt ökologische Anliegen in die Detailprojektierung eingebracht. So wurde z.B. der Baumbestand in der Fulenmatt aufgenommen und das neue Flutgerinne im Auenwald so geplant, dass wertvolle Bäume (grosse Eichen, Pappeln oder Ulmen) erhalten werden können. Andererseits mussten für die Ausschreibung der Bauarbeiten (Submissionsverfahren) möglichst alle ökologisch relevanten Aspekte in einem Pflichtenheft formuliert werden, so dass der Unternehmer wusste, was ihn erwarten wird.
Weiter beschäftigen wir uns damit, die Daten zum Ist-Zustand des Lyssbachs bezüglich Fischfauna, Morphologie, Wasserqualität, Ufervegetation etc. zu aktualisieren und zu vervollständigen. Diese Angaben dienen als Grundlage für eine Erfolgskontrolle, mit der die Auswirkungen der verschiedenen Teilprojekte zwischen Mündung in die Alte Aare und Moosmatte auf die Lebensgemeinschaften des Lyssbachs beurteilt werden können. Ein Begleitbericht Ökologie und eine Erfolgskontrolle werden von den zuständigen Bundesbehörden verlangt, damit dieses Wasserbauprojekt zu einem höheren Ansatz subventioniert werden kann (sog. „Ökologische Mehrleistungen“). Da diese Mehrleistungen auch für den bald zu realisierenden Abschnitt Leen – Moosmatte (oberhalb des Entlastungsstollens) beansprucht werden sollen, umfasst unsere Arbeit den ganzen Lyssbach zwischen Mündung und Moosmatte.

 

In den vergangenen Monaten haben Sie den Fischbestand an verschiedenen Stellen des Lyssbaches aufgenommen. Wie sind Sie vorgegangen?
In mehreren Teilstrecken zwischen Alter Aare und Moosmatte haben wir mittels Elektrofischerei untersucht, welche Fischarten vorkommen, wie häufig sie sind und welche Grössenklassen vertreten sind. Damit lassen sich Rückschlüsse ziehen auf die Längsvernetzung im Gewässer (können die Fische ungehindert wandern), die Fortpflanzungsverhältnisse für die verschiedenen Arten (sind im Herbst Jungfische vorhanden) und die Nutzung des vorhandenen Angebotes an Fischhabitaten.
In der Fulenmatt konnten z.B. acht Fischarten nachgewiesen werden. Darunter auch das stark gefährdete Bachneunauge, das aus der Alten Aare aufsteigt und dessen Jungtiere in den Sandablagerungen günstige Lebensräume finden. Je weiter wir uns den Bach hinauf vorarbeiteten, desto weniger Fischarten konnten wir feststellen. Im Dorfzentrum Lyss waren noch drei Arten vorhanden, und oberhalb der Schatthole wurden nur noch Groppen und Bachforellen registriert.

 

Welche Schlüsse konnten Sie ziehen?
In den bereits neu gestalteten Abschnitten des Lyssbachs (Fulenmatt bis zum Undere Grien) widerspiegelt die artenreiche Fischfauna die Vielfalt an Strukturen und Kleinlebensräumen, die mit den Gerinneausbauten geschaffen werden konnten.
Im Ortszentrum verhindern die fehlenden Unterstände im Uferbereich eine artenreiche Fischfauna. Insbesondere können sich kieslaichende Arten (Bachforelle, Groppe) auf der festgebackenen Sohle nicht fortpflanzen.
Zwischen Schatthole und Moosmatte befinden sich noch mehrere Schwellen und Abstürze die die freie Fischwanderung einschränken. Diese werden im Rahmen der anstehenden Projekte entfernt.

 

Welche Erwartungen, Anliegen haben Sie an das Projekt?
Die Strukturarmut des Lyssbachs im Dorfzentrum und die fehlende Geschiebedynamik können erst nach Realisierung des Stollens behoben werden. Wir hoffen, dass zusätzlich einzubringende Kleinstrukturen und vor allem auch Kieszugaben, die bei Hochwasser abwärts verfrachtet werden und die verfestigte Sohle aufreissen, die Lebensbedingungen für die Fischfauna nachhaltig verbessern werden.
Nach Sicherstellung des Schutzes von Mensch und Siedlung muss der Lyssbach auch den Wasserbewohnern wieder einen vielfältigen Lebensraum bieten können.

Laich Das stark gefährdete Bachneunauge konnte aus der Alten Aare einwandern und findet sich nun auch im Lyssbach.
Beim Industrieareal Lyss Nord konnten im Rahmen der Neugestaltung des Gerinnes mit grösserer Abflusskapazität auch zahlreiche Kleinlebensräume geschaffen werden.
Innerhalb kürzester Zeit wurden die nicht angesäten Flächen entlang des neuen Gerinnes von spezialisierten Pflanzen besiedelt. Im Bild der Blutweiderich und das haarige Weidenröschen, typische Vertreter der feuchtigkeitsliebenden Gewässerbegleitflora.


Quellenangabe für Bilder: © WFN2009